„Großhirn ausschalten und arbeiten“
Juli 30, 2010
RÜCKBLICK: Die Honnefer Andreas Archut und Günter Raths waren im Tunnel des Grauens
In der Nacht zum Mittwoch ist eine 25 Jahre alte Frau aus Heiligenhaus bei Essen im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erlegen, berichtete der Duisburger Staatsanwalt Rolf Haverkamp. Die genaue Todesursache werde derzeit untersucht. Damit hat sich die Zahl der Todesopfer nach der Panik bei der Duisburger Loveparade am Samstag (24. Juli) auf 21 erhöht. 13 Frauen und acht Männer kamen im Gedränge des Techno- Spektakels ums Leben. Über 500 wurden verletzt. Die Kölner Polizei teilte mit, dass sich am Mittwoch noch 25 Verletzte in Krankenhäusern befänden. Soweit der aktuelle Stand der Dinge. Die Honnefer Malteser Andreas Archut (l.) und Günter Raths (r.) waren die ersten Helfer die an der Unglücksstelle ankamen um Ersthilfe zu leisten. „Die Panik war an der Rampe entstanden, dem einzigen Zu- und Ausgang des Festivalgeländes, zu der die Besucher aus zwei 16 Meter breiten Tunneln strömten. Die Techno-Fans haben sich nicht wie erwartet schnell von dieser Rampe entfernt und sich auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofes verteilt. Vielmehr ist es im Eingangsbereich zu einem Stau gekommen, auf den die nachströmenden Menschenmassen diesen verhängnisvollen Druck ausübten. Das ist so, als wenn du im Einkaufszentrum mit der Rolltreppe oben ankommst, dann bleibst du erst einmal stehen und verschaffst dir einen Überblick.“ Um 10 Uhr waren die Honnefer Malteser mit 35 Helfern in Bereitschaft gegangen. Um 17 Uhr hieß es dann: Einsatz! „Als wir in dem Tunnel ankamen riefen die Leute, „beeilt euch, dahinten sterben Menschen. Sofort versuchten wir die ungeordnete Unfallstelle zu organisieren. Wir konnten absolut nicht ahnen, was da auf uns zukommt.“ Der Handy- und Funkverkehr war ausgefallen. „Mit insgesamt vielleicht 150 Helfern standen wir im Tunnelbereich tausenden von Menschen gegenüber. Ein Schlachtfeld,“ so Archut. In Windeseile wurden Sofortmaßnahmen eingeleitet. Reanimation, reden, trösten, Wunden versorgen. Für den Krankentransport wurden die Verletzten mit Laufzetteln mit Infos für den Notarzt versehen. „Getreu der alten Regel, wer schreit hat Zeit“. Viele Menschen, die nicht verletzt waren, schrien einfach nur nach Wasser, als seien sie soeben der Wüste entkommen. Auf Biertischen wurden die viel zu wenigen Medikamente sortiert. „Sobald ein Rettungswagen eintraf, wurde der sofort komplett ausgeräumt.“ Die Absperrgitter „waren zusammen geknüllt wie ein Blatt Papier“. Daran ließe sich erkennen, welch einen ungeheuren Druck die menschlichen Körper ausgeübt haben. Die Toten wurden abgedeckt. Darüber konnte nicht nachgedacht werden: „Das Großhirn ist ausgeschaltet, du arbeitest mechanisch weiter und machst deinen Job so gut es eben geht. Dabei wird der Einzelne von der Gruppe getragen,“ blickt Raths auf die Katastrophe zurück. Nach vier Stunden ist der Einsatz vorbei. Notfallseelsorger kümmern sich um die Helfer. Mit einer zentralen Trauerfeier wird am Samstag ab 11 Uhr in Duisburg an die Opfer der Loveparade-Katastrophe erinnert. Daran werden auch Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Wulff sowie Vertreter der Hilfsorganisationen wie die Honnefer Malteser teilnehmen.
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