Jeden Samstag und Sonntag Frühstück im Chimära in der Bonner Altstadt

Der Prozess, Auffälligkeiten und die späte Razzia

Februar 28, 2011

JUGENDAMT KÖNIGSWINTER: „Merkwürdige Aktenführung war schon lange bekannt“

Am Montag um 9:25 Uhr am 9. Verhandlungstag, der Angeklagte hatte gerade in einer ergänzenden Einlassung angegeben, er und seine Frau hätten schon im Februar 2010 die Mitarbeiterin des Jugendamtes eindringlich darauf hingewiesen, dass es mit Anna nicht mehr ginge, stellte der Vorsitzende Richter Janßen in Richtung der Zuschauerreihen die Frage, ob ein Prozessbeobachter der Stadt Königswinter anwesend sei.

Daraufhin gab sich der 1. Beigeordnete, Ashok Sridharan, als solcher zu erkennen. Richter Janßen erklärte ihm, dass es besser sei, den Sitzungssaal zu verlassen und auch bei weiteren Verhandlungstagen der Sitzung fernzubleiben. Anordnen könne er dieses aber nicht, es wäre nur ein „guter Rat“. Sridharan nahm diesen Rat an und verließ prompt den Raum.

Anschließend erklärte der Richter den Beteiligten, dass beim Landrat des Rhein/Sieg- Kreises eine Aussagegenehmigung für Bürgermeister Peter Wirtz beantragt worden sei und bei diesem selbst sei eine Aussagegenehmigung für den bisherigen Leiter des Jugendamtes, Klaus Plate sowie den damaligen Rechtsamtsleiter Holger Jung beantragt worden. Anschließend kam dann die Bonner Psychotherapeutin in den Zeugenstand, die Anna in ihrem letzten Lebensjahr behandelt hatte.

Sie hätte der Pflegemutter geglaubt, dass Anna immer wieder selbst erbreche oder dass sie sich selbst Verletzungen zufüge. Sie attestiert auf die Angaben der Pflegemutter hin, dass Anna keinen Kontakt mehr zur leiblichen Mutter haben sollte, weil sich Annas Verhalten danach immer mehr verschlimmere. „Wenn ich Anna gefragt habe, ob das stimmt, hat sie nur stumm genickt.“ Gegen Mittag nahm Richter Janßen noch einmal Stellung dazu, warum er dem Prozessbeobachter der Stadt Königswinter ein fernbleiben der Verhandlung nahe gelegt hatte. Er habe zwar am vergangenen Donnerstag, 17.2.2011, noch keine Bedenken gegenüber einer Prozessbeobachtung der Stadt Königswinter gehabt, dieses hätte sich aber im weiteren Prozessverlauf geändert. Schließlich hätte ein Gericht gute Gründe, noch ausstehenden Zeugen eine vorherige Prozessbeobachtung zu untersagen“. Dann trat die in Rheinbreitbach lebende, aber in Bad Honnef praktizierende Hausärztin der Pflegefamilie in den Zeugenstand. Auf einige Zuschauer merkwürdig wirkend, nahm diese ihr gutes Recht wahr, und erschien in Begleitung eines Rechtsanwaltes als Beistand. Das empfiehlt sich beispielsweise, wenn man sich als Zeuge selber belasten oder durch eine falsche Aussage strafbar machen könnte. Bevor die Hausärztin Anna das erste Mal (2008) gesehen hatte, wusste sie von der Pflegemutter schon von deren Aufnahme in die Pflegefamilie, das Anna autoaggressiv wäre und missbraucht worden sein soll. Auch später erfuhr sie, immer nur von der Pflegemutter, dass Anna eine „Wasserphobie“ habe und sich selber verletzen würde. Auf die Frage, warum sie die Atteste geschrieben habe, antwortete sie: „Weil die Pflegemutter mich darum gebeten hatte!“ Man brauche diese zur Vorlage beim Jugendamt.
Harald Hallerbach

Die späte Razzia

Die am vergangenen Mittwoch durchgeführte Aktion der Staatsanwaltschaft Bonn löst nicht nur durch den Zeitpunkt – fast sieben Monate nach bekannter Aktenmanipulation – Kopfschütteln aus. Denn die Staatsanwaltschaft Bonn hatte schon seit dem 30.7.2010 Kenntnis darüber und erhielt auch darauf folgend noch weiter Hinweise.

In einer e-mail vom 26.8.2010 informierte HWZ-Autor Harald Hallerbach, der diesen Fall schon von Beginn an recherchierend begleitet, die Staatsanwaltschaft über den Verdacht einer „merkwürdigen Aktenführung“ und über weitere Auffälligkeiten gegenüber der Mitarbeiterin des Jugendamtes. Die HWZ fragt nach: „Was heißt das konkret?“ Hallerbach: „Protokolle von Hilfeplangesprächen in einer anderen Pflegefamilie waren fehlerhaft. Anstatt diese zu korrigieren wurden sie einfach unter den „Tisch gekehrt“ und liegen bis heute nicht vor, obwohl es ein wichtiger Bestandteil in der Hilfe war. Dieses Verhalten als solches spricht schon Bände“. Auffallend erschienen ihm auch die Nebentätigkeiten dieser Fachkraft des Jugendamtes. Auf ihrer Website warb sie mit der Berufsbezeichnung „Heilpraktikerin, Psychotherapie, mit Schwerpunkt in der Therapie von Essstörungen, Phobien, selbstverletzendem Verhalten. Hallerbach: „Das war um so mehr auffällig, da es sich um Erkrankungen handelte, die man Anna immer wieder “angedichtet“ hat. Hinweise hätte es also genügend für die Staatsanwaltschaft gegeben, frühzeitiger tätig zu werden, um Beweismaterial zu sichern.“ Vielleicht waren aber die letzten Hinweise von Hallerbach an die Staatsanwaltschaft ausschlaggebend. So weist er in einer e-mail vom 14.2.2011 die Staatsanwaltschaft darauf hin, dass es im Vorfeld zu Annas letzter Unterbringung zu gravierenden Vorfällen mit anderen Kindern in der Pflegefamilie gekommen ist. Hallerbach: „Diese Vorfälle sind aktenkundig und mussten zumindest dem Jugendamtsleiter bekannt gewesen sein. Es ist nicht nachvollziehbar, wie Bürgermeister Peter Wirtz sich hinstellt und behauptet, die Pflegefamilie sei schon lange erfolgreich tätig gewesen. Für mich ist es heute jedenfalls mehr als fraglich, ob man dieses auch der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht hat. Vermutlich aber nicht, denn sonst hätte man ja offen gelegt, was man im Fall Anna „angerichtet“ hat. Es stellt sich nun die Frage, wie akribisch die Experten der Staatsanwaltschaft das jetzt sichergestellte Material untersuchen und evtl. wieder herstellen können. Die angesprochene Website der Mitarbeiterin des Jugendamtes ist auf jeden Fall nicht mehr abrufbar. Seit dem 21.1.2011 liest man dort: „Die Seite wird überarbeitet“. Wie wir Hallerbach inzwischen kennen gelernt haben, wissen wir, dass zumindest bei ihm in diesem Fall „nichts verloren“ geht. |eb

bösARTig

Februar 28, 2011

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich komme gerade frisch renoviert von meiner Kosmetikerin, der Frau Lennartz, zurück an den Schreibtisch gehüpft. Nee, echt, ohne geht das doch gar nicht in dieser Session. Zurzeit versucht Frau Lennartz mit einer Frischzellenbehandlung meine karnevalistisch derangierten Gesichtszüge aufzumöbeln. Dazu färbt sie meine Wimpern schön dunkel und zupft die Augenbrauen. Tja, lieber Jens, auch ich erleide diese Höllenqualen. Dafür haben wir beiden den strahlend schönen Durchblick. Vielleicht sollte der Herr Köjer auch mal zum Zupfen gehen…ich mein ja nur…Auf jeden Fall sehe ich nicht nur fantastisch aus, sondern ich fühle mich auch viel jünger, als noch vor 10 Jahren. Woran mag das liegen, habe ich mich natürlich ziemlich oft, aber stets heimlich, gefragt. Die Antwort stand jetzt in der Autobild: „180 Turbo-PS im Vier-Meter-Auto, große Bremsen mit roten Sätteln. Wer den Fabia 1,4 RS, diesen Giftzwerg, einmal auf einer kurvigen Straße erlebt hat, der fühlt sich um Jahre verjüngt.“ Ich fahre diesen Giftzwerg seit geraumer Zeit, und ich denke, dass wir prächtig zusammen passen. Aber zurück zum Karneval. Gestern Abend um 18 Uhr musste ich wieder einmal eine einsame Entscheidung treffen: Gehe ich zur Ratssitzung oder in den brodelnden Saal Kaiser zur Jubiläumssitzung der Frauengemeinschaft St. Anna op Selef. Ich habe mich für Selef und die Frauen entschieden. Denn: Nach einer Prunknacht im Kurhaus, in der ich noch zwei Stunden nach Mitternacht beruflich tätig war, um danach zwei Stunden lang 40 von 350 Fotos für diese Ausgabe auszusuchen, ins Rathaus, das geht gar nicht. So viele Frischzellen gibt es nicht. Außerdem passt Politik nicht wirklich in diese Jahreszeit. Ich habe mir die Tagesordnung angeschaut, erstaunt hat mich nur, dass Peter Endler sein Ratsmandat abgibt. Darüber werden wir natürlich noch reden. Eine Beschlussempfehlung lautet: Freie Fahrt für den Vollversorger im Business- Park. Dazu ist alles gesagt und geschrieben worden. So, während meine Frischzellen im Gesicht Rock n’Roll tanzen, kommen hier noch ein paar Meldungen rein: In Königswinter wird es am Montag eine Rats- Sondersitzung geben, mit etlichen Anfragen zum Fall Anna. Und: Gerichtsmediziner schließen eine „fahrlässige Tötung“ der kleinen Anna aus. Sie erkennen eher die Merkmale von Totschlag oder Mord. Das wirft ein anderes Licht auf den Fall. Unser „Fall Anna“-Spezialist Harald Hallerbach hat in diesem Zusammenhang heraus gefunden, dass es sehr wohl, lange vor Anna, massive Beschwerden über die Pflegeeltern gab. So beispielsweise 2006, als ein Vater seinen Sohn, den er zur Tagesbetreuung in diese Pflegefamilie gegeben hatte, wegen grober Verletzung der Aufsichtspflicht, eigenständig wieder heraus geholt hat. Seinerzeit gab es einen heftigen Disput mit dem Jugendamt. Oder im Herbst 2007, als ein etwa 9jähriges Mädchen aus Königswinter für eine Dauer von zirka 3 Monaten zur Vollzeitpflege auf Veranlassung des Jugendamtes bei den Pflegeeltern untergebracht wurde. Schon damals wandte sich die leibliche Mutter nach kurzer Zeit mehrfach Hilfe suchend an die zuständigen Mitarbeiter des Jugendamtes, nachdem sie feststellen musste, dass sich ihr Kind verändert hatte. Ende der Durchsage.