Annas Mutter: „Wir brauchen jetzt endlich Ruhe“!
August 23, 2010
TRAGÖDIE: Heute vor vier Wochen wurde die neunjährige Anna von ihren Pflegeeltern ertränkt. Annas Mutter erhebt Vorwürfe. Königswinter nimmt Stellung.
Bei einem zweiten Besuch der HWZ bei Annas Mutter am vergangenen Mittwoch, sagt sie: „Ich bin auf dem Wege zur Stabilität“. Dennoch gingen ihr „1.000 Gedanken“ durch den Kopf. Auf ihrem Tisch liegen handgeschriebene Notizen und Briefe, einer davon an den Königswinterer Bürgermeister Peter Wirtz. „Den faxe ich gleich ins Rathaus“. Darin beklagt sie sich über den Umgang eines Jugendamt-Mitarbeiters aus Königswinter mit ihrem Sohn, der zur Zeit bei ihrer Mutter wohnt. „Die sollen uns endlich in Ruhe lassen und sich nicht ständig in unser Leben einmischen. Meinem Sohn geht es gut“. Verständlicher Weise ist Annas Mutter nicht gut auf das Jugendamt zu sprechen. Informationen über den Fall erhält sie aus der Presse. „Da braut sich über dem Jugendamt in Königswinter wohl einiges zusammen“. Konkrete Informationen habe sie allerdings nicht, denn: „Meine Anwältin hatte noch keine Akteneinsicht“. So bleiben die quälenden Fragen: „Warum hatte Anna laut eines Zeitungsberichtes bei der Pflegefamilie kein eigenes Zimmer? Ich habe selbst die Möbel dafür besorgt…Wer hat die Diagnose gestellt, dass mein Kind autoaggressiv ist…wer hat festgestellt, dass Anna Angst vor Wasser hat“? Sie als leibliche Mutter weise diese Behauptungen zurück. „Wieso wurde der Pflegesatz für die Pflegeeltern ohne mein Wissen erhöht? Warum“? Warum hätten die Pflegeeltern nicht gesagt, dass sie mit Anna überfordert seien? Warum hätten die Mitarbeiter des Jugendamtes nichts gemerkt? Und: „Wann kann ich die persönlichen Dinge meiner Tochter aus der Wohnung der Pflegeeltern zurück bekommen“? Das Gespräch mit Annas Mutter dauert exakt 12 Minuten. Beim Abschied sagt sie: „Wenn sich das Jugendamt endlich aus meinem Leben heraushält, und mich zur Ruhe kommen lässt, dann wird vielleicht alles wieder gut. Dafür bin ich stark genug.“
Gleich nach dem Besuch erreicht uns eine Presseinformation der Stadt Königswinter. Damit Sie sich weiterhin ein objektives Bild über den tragischen Fall machen können, drucken wir den Wortlaut originalgetreu ab. Wie zuvor schon die Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft und die Stellungnahmen der Verwaltungen der beiden betroffenen Städte Königswinter und Bad Honnef (www.diebadhonnefer.de).
Die Stadt Königswinter äußert sich am 18. August im Hinblick auf den Sachstand der internen Untersuchungen im Fall der am 22.7.2010 zu Tode gekommenen neunjährigen Anna wie folgt: Der Stadt Königswinter ist bekannt, dass gegen sie bzw. gegen für sie handelnde Personen aufgrund einer Strafanzeige ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Bonn anhängig ist. Der Staatsanwaltschaft Bonn wird heute mit Blick auf das Ermittlungsverfahren und mit dem Ziel, die Ermittlungen weiterhin nach besten Kräften zu unterstützen, unaufgefordert ein Bericht über das Ergebnis interner Untersuchungen zugeleitet. Die Stadt Königswinter weist zur Vermeidung von Missverständnissen ausdrücklich darauf hin, dass die internen Untersuchungen in keiner Form den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft vorgreifen oder diese beeinflussen sollen. Vielmehr dient die interne Analyse dem Ziel, das Geschehen und den „Pflegekinderfall“ Anna aus Sicht des zuständigen Jugendamtes aufzuarbeiten. Parallel zu den internen Untersuchungen und weiterhin in Unkenntnis des tatsächlichen Tathergangs ist ein fachlicher Diskussionsprozess angestoßen worden, ob es im Ablauf des Pflegekinderwesens Möglichkeiten der Optimierung gibt. In diese allgemeinen Bemühungen wird auch der Jugendhilfeausschuss der Stadt eingebunden werden. Ebenso erfolgt in Fortsetzung der bisherigen Praxis der fachliche Austausch mit anderen Jugendämtern. Nach der hier bekannten Aktenlage und nach dem Ergebnis ausführlicher ebenfalls aktenkundig gemachter Befragungen aller Beschäftigten des Jugendamtes können unter Berücksichtigung des weiterhin bestehenden Daten- und Persönlichkeitsschutzes unter dem Gesichtspunkt des Sozialgeheimnisses folgende Aspekte der Untersuchung öffentlich gemacht werden:
1. Telefonkontakte mit dem Jugendamt Am 22.0.2010 (Tag der Tat) hat es im Jugendamt der Stadt Königswinter keinen Anruf gegeben, der eine akute Kindeswohlgefährdung oder eine besondere Dringlichkeit mit Drittbezug zum Inhalt hatte. Es gab einen Anruf einer Bürgerin aus Bad Honnef, der an die gemeinsame Erziehungsberatungsstelle der Städte Bad Honnef und Königswinter weitergeleitet wurde. Die Anruferin blieb anonym und wies gegenüber dem Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstelle lediglich auf ein Problem mit einem Kind aus der Nachbarschaft hin. In diesem Gespräch wurde weder eine besondere Dringlichkeit oder Erregung in der Stimme der Anruferin festgestellt, noch wurde ein konkreter Bezug (Adresse, Name etc.) hergestellt. Das Gespräch dauerte nach Erinnerung des Mitarbeiters keine 30 Sekunden. Der Anruferin wurde die Telefonnummer des Jugendamtes Königswinter mitgeteilt und sie wurde gebeten, Ihr Anliegen dort vorzutragen. Beim Jugendamt hat es daraufhin jedoch keinen Anruf mit einem entsprechenden Inhalt gegeben. Auch seit dem 22.0.2010 hat sich niemand mit dem Jugendamt in Verbindung gesetzt, der auf einen entsprechenden Anruf am Tag der Tat verwiesen hat.
2. Räumliche Situation in der Pflegefamilie Die räumliche Situation in der Pflegefamilie wurde vor der Übertragung der Vollzeitpflege für Anna in fachlicher Hinsicht auf die Eignung hin untersucht. Seitens des Jugendamtes fanden zudem während der Pflegezeit mehrere Besuche in der Wohnung zur Überprüfung der Situation statt. Entgegen anderslautender Berichte hatte Anna ein eigenes Zimmer.
3. Hausbesuche in der Pflegefamilie Im Rahmen der Betreuung von Pflegekind und Pflegefamilie fanden regelmäßige Hausbesuche durch das Jugendamt und später durch den betreuenden Fachdienst der Diakonie statt, bei denen sich keine Anhaltspunkte oder Verdachtsmomente für ein Fehlverhalten oder gar eine Kindeswohlgefährdung in der Pflegefamilie ergeben haben.
4. Berichterstattung über Kontakte zwischen Schule und Jugendamt Die Darstellung in den Medien insbesondere über die Anzahl der Kontakte zwischen der Schule und dem Jugendamt ausgehend von einem Interview des WDR mit dem Schulleiter am 17.8.2010 ist nachweislich falsch. Der Schulleiter hat gegenüber der Stadt Königswinter am 18.8.2010 erklärt, dass es lediglich einen Kontakt gegeben habe. Dieser Kontakt und das sich anschließende gemeinsame Gespräch, in dem auch später umgesetzte Maßnahmen vereinbart wurden, sind hier aktenkundig. Zu dem Gespräch hat das Jugendamt in die Schule eingeladen. Aus den Aussagen des Schulleiters in dem Interview lässt sich auch nichts anderes entnehmen. Im Übrigen habe er sich nicht initiativ zu Wort gemeldet, sondern der WDR sei mit einem Interviewwunsch an ihn herangetreten.
Es ist bedauerlich, dass es in den vergangenen Tagen zu einer Berichtserstattung gekommen ist, die die Sachverhalte unzutreffend und in verzerrter Weise wiedergeben. Dies wird der Ernsthaftigkeit der Angelegenheit nicht gerecht. Im Übrigen verweist die Stadt Königswinter auf die Inhalte aus der Pressemitteilung anlässlich der Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses vom 3.8.2010, die – wie diese aktuelle Presseerklärung auch – im Internet unter www.koenigswinter.de abrufbar ist.
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