Wild-Wochen im Chimära in der Bonner Altstadt

bösARTig

August 9, 2010

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist nicht wirklich so einfach, drei Tage nach einer Beerdigung der Tochter, ein Gespräch mit der Mutter zu führen. Trotzdem habe ich es getan. Es hat Annas Mutter und mir gut getan. Manchmal ist Schweigen nicht immer Gold. Egal wo ich auch hinkomme, der Tot der kleinen Anna ist überall das alles beherrschende Gesprächsthema. Und bevor dieser unglaubliche Fall nicht restlos aufgeklärt wird, wird das auch so bleiben. Logisch: Das legitime Informationsbedürfnis der Mitmenschen ist riesengroß. Unter dem Eindruck der Ereignisse habe ich mich in meiner Kolumne in der vergangenen Woche offensichtlich zu Worten hinreißen lassen, die nicht von Jedermann richtig gedeutet wurden. Vor allem nicht von einigen Bewohnern der Wohnanlage, in dem die neunjährige Anna getötet wurde. Dafür bitte ich um Vergebung. Soviel Zeit muss ganz einfach sein. Viele Anrufe haben uns ereilt, es waren Beschimpfungen der übelsten Art dabei, aber auch Lob. Und: Viele Nachbarn haben dabei ein verbales Bild gezeichnet, von der Pflegefamilie und von Anna. So soll die Pflegefamilie immer nett und aufgeschlossen gewesen sein. Kurz vor dem schrecklichen Ereignis wäre die Familie mit Anna aus einem Kurzurlaub zurückgekommen. Anna lief hin und her, von der Wohnung zum Auto, und half emsig beim auspacken. Dabei wirkte sie fröhlich, erzählte uns beispielsweise ein Bewohner der Wohnanlage. Viele unterschiedliche Aussagen kamen so zusammen: „Die Pflegemutter war herzensgut…die Pflegemutter war aggressiv… die Pflegemutter hat gut gelaunt mit Anna im Sandkasten gespielt…ich habe gesehen, wie Anna aus dem Fenster gesprungen ist…ich habe mit dem Pflegevater oft über Fußball gesprochen…ich habe Schreie aus der Wohnung gehört…Anna hat lieb mit unserer Katze gespielt…seit Anna da ist, sind die Rollos der Wohnung oft herunter gezogen worden…“. Widersprüchliche Aussagen. Daher ist es wohl auch verständlich, dass die Ermittlungsarbeiten andauern, ohne dass Details an die Öffentlichkeit dringen. Immerhin hat der Fall Anna die Öffentlichkeit wach gerüttelt. Das Statistische Bundesamt hatte erst kürzlich bekanntgegeben, dass die Zahl der Minderjährigen, die von Jugendämtern in Obhut genommen werden, seit 2004 um fast ein Drittel gestiegen ist. Im vergangenen Jahr wurden laut Bundesamt 33.700 Kinder und Jugendliche in einem Heim oder einer Pflegefamilie untergebracht. Die Zahl stieg im Vergleich zu 2008 um 4,5 Prozent. In fast jedem vierten Fall wurden die Minderjährigen auf eigenen Wunsch in Obhut genommen. Als kurzfristige Maßnahme soll die Aufnahme Minderjährige schützen, die sich in einer akuten, für sie gefährlichen Situation befinden. Es macht allerdings keinen Sinn, Kinder ihren Eltern zu entreißen, um sie in Pflegefamilien noch größerer Gefahr auszusetzen. Fakt ist, wenn die Aussagen denn stimmen: Wer sein schutzbefohlenes Pflegekind monatelang mit Klebeband fesselt, um es beispielsweise in Ruhe baden zu können, der darf trotz aller Beteuerungen der Jugendämter, „mit der Familie gab es monatliche Gespräche“, nicht weiter befähigt werden, ein Pflegekind durch sein junges Leben zu begleiten. Denn so eine grobe Misshandlung eines Kindes muß von ausgebildeten Mitarbeitern der Fachdienste bemerkt werden.

Kommentare

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?