Das reale Leben ist da draußen…
Februar 19, 2010
Protokoll einer Reise nach Kasambya – Heinz van den Berg
Am 2.2. werde ich nach einer zweiwöchigen Rundreise durch Uganda in Entebbe von meinem Freund, Father Charles Mubiru, einem katholischen Priester, abgeholt. Spannung pur.
Die Hauptstraße von Kampala nach Mityana lässt nur die Durchschnittsgeschwindigkeit eines schnellen Radfahrers zu. Der Weg von Mityana nach Kasambya ist nur noch eine Schotterpiste von ca. 30 Kilometern Länge. Hügeliges Land, Bananen, Kaffee, Tee, Matooke, Papyrus…, einzelne Hütten. Wir passieren zwei Dörfer. Die Bewohner winken uns zu. “Musungu, Musungu” rufen die Kinder und lachen. Weiße Gesichter sehen sie hier nur selten.
Alle Menschen sehen fröhlich aus. Ihre Häuser sind mehrheitlich aus einem Fachwerk von Ästen und Zweigen, verfüllt mit Lehm. Sehr häufig sind nicht nur die oft mannshohen roten Termitenbauten, sondern auch große Stapel getrockneter Lehmziegel, die aufs Brennen warten. Mehr und mehr werden die einfachen Hütten durch feste Häuser ersetzt.
Männer, Frauen und Kinder leben vor und in den mit Stroh oder Wellblech gedeckten Häusern in großen Familien miteinander. Man sitzt oft auf dem Boden oder steht gerade an der Kochstelle außerhalb des Hauses. Daneben ein Regal aus Ästen, worauf das gespülte Geschirr trocknet. Der Kinderreichtum hier steht in krassem Gegensatz zu unserer Kinderarmut.
“Dies ist jetzt Kasambya” höre ich Charles sagen. Ich habe den Übergang von loser Besiedlung zum Dorfeingang gar nicht wahrgenommen.
Ich bin angekommen! Aufgeregt filme ich die “Hauptstraße”, die sich in keiner Weise von dem bisherigen Wegezustand unterscheidet. “Wo ist hier die Dorfmitte?” - Die gibt es nicht! Kasambya hat die Form eines asymmetrischen “W” von beachtlicher Ausdehnung. Zwei Kilometer schätzt man, bar jeder Nachprüfbarkeit. Google Earth könnte helfen, aber diese Gegend der Welt ist für die Google´s uninteressant. Ich werde scheinbar vom ganzen Dorf erwartet. Mir stockt der Atem. Wie soll ich mit der Prozedur bloß fertig werden. Father Charles hat alles perfekt geplant. Begrüßung mit ugandischem Freundschafts-Händedruck, Frauen, die am Boden knien, Kinder, die im Hintergrund bleiben. Zwei Sessel im Zentrum der Runde. Ehrenplätze für Charles und mich. Im Rechteck dann einfache Bänke und Matten.
Der stellvertretende Vorsitzende redet, nachdem das Festprogramm feierlich verkündet wurde. Dankbarkeit aus jedem Wort und jeder Geste für die Hilfen aus Deutschland. Ich sitze da und bin fassungslos. Dann, nach F. Charles` Begrüßungsrede - ich merke, wie sehr er anerkannt ist, geachtet und geehrt wird - muss ich in die Bütt. Es fällt mir gar nicht so schwer wie befürchtet. Ich betone, dass mein Besuch unter der Zielsetzung steht, auch selbst zu lernen und bereichert nach Hause zurückzukehren. Auch einen kleinen Scherz übersetzt Charles in die Sprache der Einheimischen - Luganda - so dass geschmunzelt und gelacht wird. - Die Menschen (vor allem Frauen) tanzen und singen. Jetzt bin ich wirklich angekommen. Charles, mein sehr aufmerksamer Begleiter und Dolmetscher, geht mit mir von Haus zu Haus. Wir beginnen am nordöstlichsten Zipfel des “W” unseres Dorfes und erfragen, was die Menschen freut und was ihnen fehlt. Sarah baut eine “Zielpyramide” auf. Schulbildung für alle an oberster Stelle, finanziert durch höhere Agrar-Erträge, diese wiederum mit Hilfe einer Genossenschaft (das passt genau zu unseren Handlungsansätzen!). - Wir diskutieren angeregt und aufgeschlossen auf beiden Seiten.
Ich notiere mir den Inhalt der Gespräche:
- “Selbst den Mais dreschen”, das spart viel, aber eine Maschine fehlt. Diese müsste durch das verzweigte Dorf transportiert werde. Aber dazu fehlt ein Kleinlaster.
- Eine “Spargruppe” im Dorf gründen, wie ich sie auf meiner vorausgegangenen Rundreise mit Tukolere Wamu beispielgebend erlebte. Klare Regeln! Sparen mit der Möglichkeit von Kleinkrediten aus der eigenen Dorfkasse. Das schafft Selbstvertrauen, sichtbares Eigenkapital, Selbstständigkeit und Zusammengehörigkeit der Gemeinschaft. Ja, sogar Verringerung von Gewalt in den Familien, weil Frau und Mann sich abstimmen, bevor sie zur wöchentlichen Sitzung gehen.
- Schweine oder Ziegen nicht mehr frei laufen lassen. Vermeidung von Verbiss an Nutzpflanzen, Krankheiten und Verlusten von Tieren. Im z.B. monatlichen Zyklus sind Familien für die Fütterung verantwortlich. Spezielles Futter kann beigegeben werden, z.B. um die Milchproduktion und -qualität zu erhöhen und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Ernährung zu leisten.
- Schubkarren werden gebraucht! Ich übergebe einem aufgeschlossenen, aktiv mitwirkenden jungen Mann eine Skizze und Ideen, wie sie mit geringstem Aufwand selbst hergestellt werden könnten und bitte ihn, sich mit einem Freund dafür zusammenzuschließen.
- Ich zeige und erkläre, welche Vorteile eine Gabel mit verbogenen runden Zinken (”Karst”) bei der Feldarbeit haben kann.
- Einem Mann aus dem Nachbardorf, der den Bewohnern des Nordost-Zipfels von Kasambya offensichtlich näher steht als seinem eigenen Dorf, hat schon Ideen von Kasambya übernommen und möchte bei uns “Mitglied” werden. Wir haben ihm eine andere Möglichkeit empfohlen. Er versucht - mit Hilfe eines unserer Aktiven – in seinem Dorf eine Gruppe zu gründen, nachdem er z.B. dreimal an unseren Versammlungen hospitierend teilgenommen hat. Das verhindert Konflikte bei uns und zwischen den Dörfern und erweitert unseren Handlungshorizont, ohne dass wir unsere Projektgrenzen sprengen.
- Allgemein treten wir vehement dafür ein, Skeptiker ernst zu nehmen und ihre Bedenken bei Entscheidungen zu würdigen. Auch gilt es, zugezogene “Fremde” aufzunehmen (z.B. eine Frau aus Ruanda mit ihren 3 Kindern)
Wir führen in zwei Tagen 13 solcher Gespräche und tun manches zwischendurch. Ich überbringe Geschenke, Grüße und Wünsche der deutschen Paten, eine sehr angenehme Aufgabe.
Während der Abschiedsfeier am Ende des dritten Tages haben wir die wesentlichen Gedanken und Anregungen wiederholt und finden breite Zustimmung. Nun müssen wir in unserem Projektteam in Deutschland die Punkte klären, ob wir die zum Teil notwendigen Aufwendungen für Hilfen bieten wollen und können. Die Abschiedsfeier ist begleitet von Gesang, Tanz und guten Worten. Ich fühle mich jetzt dazugehörig!
Noch einmal betone ich, dass wir auf Augenhöhe miteinander reden und handeln. Was wir lernen, ist schwerlich mit Geld zu bewerten. Lebenshaltung, große Freude und Freundlichkeit bei bescheidener Lebensweise. Dafür gibt es in Deutschland keine Kurse. Irgendwie fühle ich, dass hier das reale Leben ist.
Nach 3 Tagen in Kasambya fliege ich heim und freue mich auf meine Familie und die kalte Witterung.
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