Honnef im „Kanton“ Königswinter
Januar 23, 2012
GESCHCHTE: Der mühsame Weg aus der drohenden Armut zu den erneuten Stadtrechten. Teil 1
Mitte Juni 2012 wird in Bad Honnef drei Tage lang gefeiert. Der Grund: Die Rückerlangung der Stadtrechte vor 150 Jahren, die 1807 abhanden gekommen waren. Die HWZ wird in loser Folge über diese spannende Zeitschiene berichten. Das Jahr 1807 war insgesamt recht turbulent. England besetzte Helgoland, während Portugal in französische Hände fiel. Die Russen wurden von Napoleon besiegt. Währenddessen gab es in Deutschland weit reichende Veränderungen. Mit dem Zusammenbruch von Preußen fiel 50 Prozent des Landes an Russland, wodurch etliche Menschen einmal mehr ihre Staatszugehörigkeit ändern lassen mussten. Im Königreich Bayern wurde die Pockenschutzimpfung zur Pflicht und Bauern wurden aus der Leibeigenschaft befreit. Franzosen weilten im Rheinland und den zentralistischen Bestrebungen Napoleons hatte Honnef 1807 seine bisherige kommunale Selbständigkeit „zum Opfer bringen müssen“. Es verlor das seit Jahrhunderten geübte Recht der Bürgermeisterwahl und sein Gericht. Die schöne und damals schon reiche Gemeinde wurde dem „Kanton“ Königswinter zugeteilt. Zum Entsetzen der Bürger. Als am 5. April 1815 die „Rheinlande“ an Preußen fielen, hoffte die Bürgerschaft auf eine baldige Wiederherstellung der früheren, in geschichtlicher Entwicklung gewachsenen, Verhältnisse und gab diesem Wunsch bereits am 18. Mai desselben Jahres in einer unmittelbar an den neuen Landesherrn, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, gerichteten Denkschrift Ausdruck. „Die Herren „Beigeordneten und Scheffen“ der Gemeinde Honnef haben unter dem 18. Mai unmittelbar bei „Seiner Majestät“ dem Könige eine Beschwerde über ihre bisherigen Verhältnisse zu Königswinter eingereicht und bei der Organisation um Abhilfe gebeten.
Wie auch die Verhältnisse der Gemeinde Honnef künftig sein werden, so können sich die Einwohner doch schon jetzt überzeugen, dass unter der preußischen Regierung jedes wohl erworbene Eigentum, vor allem das der Kirchen oder Schulen geschützt und keine Beeinträchtigung geduldet wird. Was die Besteuerung anbelangt, so wird es sich bei der Einführung des neuen Steuersystems zeigen, ob die Gemeinde Honnef überbelastet ist, worauf sodann jeder gerechten Beschwerde abgeholfen werden soll“. Doch sollten sich die gehegten Erwartungen nicht so bald erfüllen. Das veranlasste die zuständigen Stellen Honnefs mit den Gemeinden Aegidienberg und Ittenbach, erneut und ausführlich ihre Beschwerden der Regierung in Köln und dem Ministerium des Innern zu Berlin vorzutragen und Vorschläge für eine Änderung in den Verwaltungsbezirken zu unterbreiten. Das liest sich wie folgt: „Untertänigstes Ansuchen der Vorsteher und Mehrstbegüterten um geneigte Verleihung eines eigenen Bürgermeisters für die Gemeinden Honnef, Aegidienberg und Ittenbach. Als im Jahr 1807 eine neue landesherrliche Verordnung für das damalige Großherzogtum Berg erschien, kraft welcher mehrere benachbarten Gemeinden in ihrer Verwaltung zusammengezogen und unter einen Direktor gestellt werden sollten, wurde in dieser Bestimmung zugleich als Grundsatz aufgestellt, dass aus den vereinigten Gemeinden diejenige auf den Direktor-, nachherigen Bürgermeistersitz den ersten Anspruch habe, welche die mehrsten Seelen zähle.
Honnef, Aegidienberg und Ittenbach wurden nun zur Samtgemeinde vereinigt; es sprach sich von selbst aus, dass dem Honnef, welches allein die übrigen drei Gemeinden an Seelenzahl aufwog, der Direktor gebühre; allein zu unserm größten Nachteil und Unglück wurde in Königswinter, aus uns bis jetzt noch unbekannten Gründen, der Direktor- und nachheriger Bürgermeistersitz aufgestellt. Vierzehn lange, harte Jahre sind nun verflossen, während welcher unsere Gemeinde außer den schweren Kriegsdrangsalen noch besonders die nachteiligen Folgen dieser Zurücksetzung getragen hat; Folgen, welche unberechenbar sind, weil sie auf Moralität, Industrie und Kulturfortschritt leider den größten Einfluss gehabt haben. Es sei ferne von uns, gegen diesen höheren Verwaltungsfehler Rüge oder Klage zu führen, denn auch beim besten Willen konnte die Samtgemeinde-Verwaltung in Königswinter unserem plagenden Übel nicht abhelfen, da die örtliche zu große Entfernung vom Verwaltungspunkt stets die Klippe war und blieb, woran alle Verbesserungs- und Abhelfungsvorschläge scheitern mussten. Was wir daher in untertänigster Unterwerfung bittend vorstellen wollen, ist nicht, um das Geschehene der Klage zu unterwerfen, sondern es geschieht aus reinem Pflichtgefühl, wozu uns unser Amt als Gemeindevorsteher und die Stellung als Mehrstbegüterte ebenso dringend als warnend auffordert, da jetzt die jüngste Königliche Verfügung, die Trennung des Notariats von jedem andern öffentlichen Amte verordnend, eine Verwaltungsveränderung in unserer Bürgermeisterei notwendigst herbeiführen wird. Wir wagen daher mit Vertrauen die Gesamtwünsche, Bitten und Klagen der Gemeinden Honnef und Ägidienberg höheren Orts um Abhilfe untertänigst vorzutragen und legen folgendes zur geneigten Beurteilung und Berücksichtigung ergebenst vor. Die Zahl der Geburten, Sterbefälle und Verehelichungen in einer Gemeinde von 2.500 Seelen ist jährlichst so groß, dass wohl kein einziger Tag vergehen kann, wo nicht zur Besorgung dieser oder anderer Vorfälle Familienväter, Landwirtschaftsvorsteher, Gehülfen oder sonstige für die Industrie oder Haushaltung so unentbehrliche Personen die Wanderung nach Königswinter machen müssen; in jedem der oben angeführten Fälle erscheint er mit den nötigen Zeugen am Bürgermeisteramt. Der Drang der dortigen Geschäfte sichert ihm nur selten schnelle Abhülfe, und wäre auch diese, so verführt die Zeit des Abwartens oder die Beehrung, welche man den mitgebrachten Zeugen schuldig zu sein glaubt, stets – zum Wirtshaus. Der Landmann, welcher nur selten die stärkeren Genüsse des Gaumens verkostet, misst deshalb auch ebenso selten beim endlichen Genüsse das richtige Maß für seine Gesundheit oder seine Vermögensumstände ab, und so wie sein bisschen Geld und die so kostbare Zeit verlorengeht, so geht auch zugleich seine weit kostbarere Moralität verloren; denn kommt er nun auch mit einem Zeitverlust von einem halben Tage zurück, so bringt er ihnen leider nur zu oft – statt seinem fleißigen Arm und häusliche Zufriedenheit – Trägheit und häuslichen Zwist wieder. Welche große Summen dieser Umstand jährlich aus einer so volkreichen Gemeinde wie Honnef herauslockt, ist leicht zu berechnen, und das ein einziger der oben erwähnten Akten leicht mehrere Menschen auf einen ganzen Tag der häuslichen Besorgung entziehen kann, ist leider nur zu wahr. Welche Summen, welche verlorenen Tage in einem ganzen Jahr!! Den Nachteil dieser ewigen Wanderungen sieht man wirklich an vielen Gütern, welche, ganz verstaltet, die schädliche Abwesenheit ihrer Besorger zu klagen scheinen, und wir können und müssen leider der Wahrheit gemäß gestehen, dass, wenn auch noch manche Familie ihre Armut unter dem Schein zu verbergen sucht, doch die eigentliche Armut in unserer Gemeinde seit 14 Jahren unbeschreiblich zugenommen hat. Honnef also mit seinen in jeder Hinsicht so reichen als gesegneten Fluren, mit seinen gewiss fleißigen Einwohnern muss leider durch diese örtlichen Beschwerden seinen Nachbarn an Industrie und Kultur nachstehen und – verarmen“.
Quelle: Stadt Bad Honnef
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