Jeden Samstag und Sonntag Frühstück im Chimära in der Bonner Altstadt

HWZ-Gespräch mit Annas Mutter

August 9, 2010

Der Fall Anna 1

Die letzte Ruhestätte von Anna auf dem Friedhof in Königswinter.Vorgeschichte: Nach dem Tod eines neunjährigen Mädchens aus Bad Honnef wurden auf Antrag der Staatsanwaltschaft Bonn durch das Amtsgericht Bonn am 24. Juli gegen die 51jährigen Pflegeeltern Haftbefehle wegen mehrfachen Missbrauchs von Schutzbefohlenen sowie Körperverletzung und Freiheitsberaubung mit Todesfolge erlassen. Am Donnerstagabend, 22. Juli gegen 20.50 Uhr, alarmierte ein 51jähriges Ehepaar die Rettungskräfte aus seiner Wohnung in Bad Honnef und gab an, dass die Pflegetochter beim Baden verunglückt sei. Die Rettungskräfte fanden das neunjährige Mädchen bewusstlos auf. Trotz sofortiger Reanimationsmaßnahmen durch den eingesetzten Notarzt verstarb das Kind wenig später in einem Kinderkrankenhaus. Da die Rettungskräfte bei dem Kind Hämatome festgestellt hatten, verständigten sie noch auf dem Weg ins Krankenhaus die Bonner Polizei. Da das Unfallgeschehen nicht eindeutig feststellbar war, übernahm umgehend die Bonner Mordkommission unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Hartmut Becker in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Bonn, Oberstaatsanwalt Robin Faßbender, die weiteren Ermittlungen. Die von der Bonner Staatsanwaltschaft angeordnete und noch in der Nacht durchgeführte Obduktion des verstorbenen Kindes ergab Ertrinken als Todesursache. Weiterhin wurden multiple Hämatome festgestellt.

Der Besuch: Ein Foto von Anna steht auf ihrem Fernseher. „Das wurde vor ungefähr einem Jahr aufgenommen“, sagt Annas Mutter. Das Kind sieht zierlich aus. Ihre Augen blicken fröhlich durch eine große Brille den Fotografen an. „Vor ungefähr zweieinhalb Jahren kam Anna zum ersten Mal für fünf Wochen in eine Pflegefamilie, weil ich eine Therapie besucht habe. Damals war alles in Ordnung. Anna hat gerne im Planschbecken getobt, wir waren im Rhein schwimmen, sie hatte überhaupt keine Angst vor Wasser“. Es habe auch keine Zeichen von Autoagressivität gegeben. „Im Juli 2008 kam Anna dann in die Bad Honnefer Pflegefamilie (die HWZ berichtete). Von außen her sah alles sehr gut aus, die neuen Pflegeeltern haben sogar ihr Schlafzimmer geräumt, damit Anna ein eigenes Zimmer bekommt. Diese Pflegeeltern haben ein richtig solides Bild abgegeben. Ich hatte ein gutes Gefühl.“ Im August 2008 hat Annas Mutter zum letzten Mal Kontakt zu ihrer Tochter. „Mir wurde gesagt, Anna sei nach meinen Anrufen immer so aufgedreht gewesen. Ich sollte die Telefonate einstellen. Da war mir sofort klar, dass uns diese Leute eine Scheinwelt vorgegaukelt haben. Nun hoffe ich, dass sie eine gerechte Strafe bekommen.“ Dennoch: Es gibt unerklärliche Widersprüche. Auf dem ein Jahr alten Foto schaut Anna unbeschwert in die Kamera. In einem Brief aus dem Jahre 2009 schreibt sie an ihre Mutter, „wir waren im Kino, es war sehr schön, hoffentlich können wir auch bald zusammen ins Kino gehen“. Vielleicht hätte das klappen können. „Nach meiner erfolgreichen Therapie war ich auf dem besten Weg, mein Kind zurück zu bekommen. Im kommenden Herbst sollte es soweit sein.“ Am 23. Juli klingelt das Telefon bei Annas Mutter. „Ihr Kind hatte einen Unfall, sagte mir ein Mitarbeiter der Diakonie, da wußte ich sofort, dass Anna tot ist.“ Am vergangenen Samstag wurde Anna auf dem Friedhof in Königswinter beerdigt. „Kurz vorher wurde mein Kind noch einmal in die Gerichtsmedizin gebracht, um die Hämatome genauer untersuchen zu lassen.“ Quälende Fragen bleiben: „Warum hat der Sohn der Pflegeeltern nichts gesagt oder getan? Warum haben die Lehrer und Mitschüler an der Schule meiner Tochter nichts gemerkt? Kann sich ein Kind innerhalb eines Jahres so gewaltig ändern?“

Stellungnahme der Stadt Königswinter

Der Fall Anna 2

Auf einer Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses der Stadt Königswinter sagte Bürgermeister Peter Wirtz am vergangenen Dienstag: „Vor einer inhaltlichen Befassung mit den Umständen rund um Annas Tod möchte ich mein tief empfundenes Mitgefühl mit den Angehörigen und das Bedauern über diesen tragischen Tod ausdrücken. Ich trauere – auch als Vater von drei Töchtern – über den Tod eines kleinen Mädchens, welches nicht die Chance erhielt, erwachsen zu werden und sein Leben selbst zu gestalten.

Die Stadt Königswinter als Träger der öffentlichen Jugendhilfe ist für den Hilfefall Anna sachlich zuständig sowie inhaltlich verantwortlich als Träger des Jugendamtes und wir sind gerade deshalb um lückenlose Aufklärung bemüht. Die notwendigen Untersuchungen werden ebenso wie die Überprüfung der Regelabläufe im Jugendamt mit höchster Priorität und aller Kraft vorangetrieben. Die Stadt Königswinter und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bestürzt über den Todesfall der neunjährigen Anna.

Das Jugendamt der Stadt Königswinter ist am 23. Juli um 7.45 Uhr durch den betreuenden Fachdienst der Diakonie telefonisch darüber informiert worden, dass Anna zu Tode gekommen sei. Nach Bestätigung des Todes haben sich Mitarbeiter der Stadt sofort um die Angehörigen bemüht und diese begleitet. Parallel hierzu wurde unverzüglich eine verwaltungsinterne Untersuchung zur Aufarbeitung des Sachverhalts eingeleitet. Hierzu wurden die Akten gesichtet und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes befragt. Diese Untersuchung dauert an. Die Stadt Königswinter hat ein wesentliches Interesse daran, dass die Umstände des Todes von Anna objektiv, umfassend und abschließend aufgeklärt werden. Die Staatsanwaltschaft Bonn hat bestätigt, dass anlässlich einer Strafanzeige gegen die beteiligten Jugendämter, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist. Die Stadt Königswinter hat die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nach Kräften unterstützt, indem ihr frühzeitig die den Fall betreffenden Unterlagen des Jugendamtes der Stadt Königswinter zur Verfügung gestellt wurden. Die Stadt Königswinter wird die Ermittlungen auch weiterhin im Rahmen ihrer Möglichkeiten fördern. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen der Stadt Königswinter indes keine Erkenntnisse vor, die auf ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten des Jugendamtes schließen lassen. Aus Gründen des Persönlichkeits- und Datenschutzrechts und mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen ist es der Stadt Königswinter nicht möglich, Informationen zu sämtlichen Einzelheiten des Sachverhalts zu veröffentlichen.

Durch das Jugendamt Königswinter werden zurzeit 21 Kinder begleitet. 16 dieser Kinder sind in Königswinter, fünf Kinder sind außerhalb untergebracht. Eine Unterbringung außerhalb von Königswinter kann unterschiedliche Gründe haben. Zu nennen sind beispielsweise die fachlich notwendige ortsferne Unterbringung und die besondere Eignung einer Pflegefamilie. Von den genannten 21 Kindern leben sechs Kinder bei ihren Großeltern. Die Personalausstattung im Jugendamt der Stadt Königswinter entspricht den in der Rahmenkonzeption zum Pflegekinderwesen des Landesjugendamtes enthaltenen Empfehlungen von im Mittel 25 bis 40 Fällen je Vollzeitstelle. Ein Zusammenhang zwischen dem Todesfall und einer Überlastung im Jugendamt ist nicht gegeben. Eine Überlastungsanzeige liegt nicht vor.

(Auszüge der Rede – den kompletten Text lesen sie unter www.koenigswinter.de). Das Jugendamt kümmert sich weiterhin um die Angehörigen von Anna. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Teams werden bei der Verarbeitung der Geschehnisse ebenfalls professionell begleitet.

Stellungnahme der Stadt Bad Honnef

Der Fall Anna 3

Mit großer Bestürzung hat die gesamte Mitarbeiterschaft der Stadtverwaltung Bad Honnef die Nachricht vom Tod Annas aufgenommen. Dass ein Kind im Alter von nur neun Jahren auf diese Weise ums Leben gekommen ist, ist ein großer Schock für alle.

Besonders die Kolleginnen und Kollegen des Jugendamtes sind über den tragischen Tod von Anna tief betroffen. Was hätte getan werden können, was hätte getan werden müssen, um dieses Schicksal von Anna zu verhindern?

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Todes hat die Verwaltung eine interne Prüfung der Vorgehensweise des Jugendamtes aufgenommen.

Die neunjährige Anna lebte in einer Bad Honnefer Familie. Anna und die Familie wurden durch das Jugendamt Königswinter betreut. Am frühen Donnerstagnachmittag des Tages, an dem Anna starb, erreichte das Jugendamt Bad Honnef der Anruf einer besorgten Nachbarin von Annas Pflegefamilie. Sie teilte dem Jugendamt ihre Beobachtung eines Vorfalls vom Vortag mit. Im Gespräch zwischen der Mitarbeiterin des Jugendamtes und der Anruferin wurde deutlich, dass es zu dem Zeitpunkt des Anrufes jedoch keinen Hinweis auf eine akut vorliegende Gefährdung des Kindes gab. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes und die Anruferin kamen überein, dass die Anruferin dem Jugendamt Königswinter ihre Sorge direkt mitteilt. Ihr Wunsch nach Anonymität könne auch dort gewahrt werden, und es wäre der direkte Kontakt mit betreuenden Kollegen in Königswinter möglich.

Anna ist in dieser Nacht zu Tode gekommen, ein Schock für alle, gleich ob sie Anna kannten oder nicht. Die größte Last, die jetzt auf allen liegt, ist die bohrende Frage, ob der Tod von Anna zu verhindern gewesen wäre.

Jugendämter stehen in einer besonderen Verantwortung für das Kindeswohl. Es drängen sich Fragen auf, welche Handlungsanweisungen für die Arbeit der Jugendämter verbessert werden müssen, ob und wie auf solche dramatischen Geschehnisse Einfluss genommen werden kann und wie eine noch intensivere Vernetzung von Institutionen, Behörden und Personen erreicht werden kann. Trotz zu wahrender Vertraulichkeit zum Schutz von Personen muss eine gewisse Transparenz erreicht werden, um Anzeichen auf Kindeswohlgefährdung rechtzeitig erkennen und geeignete Maßnahmen ergreifen zu können.

Bei aller Trauer und Betroffenheit ist in diesen Tagen auch die Frage zu klären, ob es ein strafrechtlich vorwerfbares Handeln oder Unterlassen gegeben hat. Die sofort eingeleitete verwaltungsinterne Untersuchung hat bisher kein Fehlverhalten aufgezeigt. Der Staatsanwaltschaft liegt zwischenzeitlich eine Strafanzeige gegen die Jugendämter der Städte Königswinter und Bad Honnef vor. Bad Honnef wird die Aufklärung des Sachverhaltes mit allen Kräften unterstützen. Ein solch tragischer Todesfall darf sich nicht wiederholen.

Kommentare

2 Kommentare to “HWZ-Gespräch mit Annas Mutter”

  1. Andrea Zumbeel on November 24th, 2011 17:40

    Es schmerzt sehr zu sehen, wie mit Kindern umgegangen wird. Solche Menschen sollten sich Gedanken darüber machen, wie viele Menschen vergeblich versuchen ein Kind zu bekommen, sei es leiblich oder angenommen. Ich habe selber eine kleine Tochter, die ich auch haben will/wollte. Auch sie war ab und an anstrengend und ist es auch Heute teilweise noch. Ich gebe auch durchaus zu, dass ich meine eigene Tochter auch mal aus Verzweiflung angeschrien habe, aber dabei sollte man es dann auch belassen. Jammerschade, Anna war ein so hübsches kleines Mädchen.

  2. Jerry Hoss on Januar 2nd, 2012 02:02

    Annas Fluch

    Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so wütend bin.
    Eine story aus neuesten Zeiten, die geht mir nicht aus dem Sinn:

    In Honnef am schönen deutschen Rhein
    Da starb ein kleines Mägdelein,

    Es war die grad mal neunjähr’ge Anne,
    ertränkt in einer Badewanne.

    Jetzt spukt ihr Geist bei Königswintern.
    Im Flusse raunt sie mit Wasserkindern:

    „Neun Jahre nur lebte ich auf Erden,
    Neun Jahre werd’ ich wachsen und schöner werden

    im Sarg, Mit achtzehn werde ich dann stehen
    Am Ufer, wo mich die Schiffer sehen

    Splitternackt wie ich durch den Hausflur rannte
    Und niemand mir half, den ich dort kannte.

    Nackt wurd’ ich dann bald auch ertränkt,
    Sadisten haben mir null Gnade geschenkt.

    Neun Jahre wuchs mein goldnes Haar,
    Von Scheitel bis Sohle weht’s jetzt wunderbar.

    Mein Busen wogt, die Hüften schwingen,
    Um Schiffer aus der Fahrrine zu bringen.

    An Kribben und Klippen zerschellen Frachter,
    Musikdampfer, Tanker, Ruderachter.

    Chemie und Öl solln vergiften den Rhein,
    Er wird nie wieder der selbe sein.

    Neun Jahre wuchsen auch meine Zähne und Krallen
    denen Käptns und Matrosen jetzt verfallen.

    Mannschaften und Passagiere werde ich fressen.
    Die arme Anna wird nie vergessen.

    So lange wird wirken mein Rachefluch
    Bis ich erwische das Jugendamt auf Büroausflug.

    In Goarshausen wütet noch immer Loreley.
    Jetzt habet ihr der Wasserhexen zwei!
    Die zweite bei Kilometer Sechs Vier drei!“

    Aus „5 Abtreibungen & 2 Adoptionen“
    © 2012 Jerry Hoss, Bonn, alkan(ät)hush.com
    http://www.wix.com/milf176/jerry-hoss-wix

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