In Bad Honnef brach Entsetzen aus
Dezember 31, 2009
RÜCKBLICK: Ein Jahrzehnt geht zu Ende. Der Versuch einer Beschreibung Teil 3 | Helmut Böndel |




Das Jahr 2002: Seit 121 Jahren erscheint die Honnefer Volkszeitung (HVZ) und hat sich trotz mächtiger Konkurrenz im Norden (Bonner „General- Anzeiger“, „Kölnische/Bonner Rundschau“) und Süden („Rhein-Zeitung“) seine Unabhängigkeit bewahrt. Die „HVZ“ ist eine der wenigen deutschen Lokalzeitungen mit einer kompletten Redaktion, die auch den überregionalen Themen auf dem Titel Platz einräumt. In Bad Honnef ist die „HVZ“ mit nach Verlagsangaben 6.000 verkauften Exemplaren Marktführer. Im Frühjahr sickerte so langsam durch, dass sie zum 30. Juni zum letzten Mal erscheinen wird. Wirtschaftliche Gründe, vor allem die einbrechenden Anzeigenerlöse, seien für das Aus verantwortlich. „Mit der HVZ verliert Bad Honnef ein Stück seiner Identität“, sagte Bürgermeister Peter Brassel damals. Das Entsetzten war groß, aber wenig wahrhaftig. Längst war die HVZ an den Generalanzeiger verkauft worden, kaum einer wollte das Blatt noch lesen, die Auflage sank immer tiefer, die hauseigene Druckerei hatte keine Aufträge mehr. Dennoch: Wenn eine Legende stirbt, dann darf getrost getrauert werden.
In der Trauerphase trat der Honnefer Werbefachmann Patrick Stolle auf den Plan, mit der Idee, eine Honnefer Sonntagszeitung auf den Markt zu bringen. In einer Umfrage bestärkten ihn die Honnefer, dies auch zu tun. Ich hatte in der kommunikationslosen Phase den „Honnefer Treff“ ins Leben gerufen, der einmal im Monat in der FH-Lounge stattfinden sollte. Jeder, der etwas zu sagen hatte, konnte dies beim Treff tun, so kamen Menschen aus allen öffentlichen Bereichen zusammen, die sich zum größten Teil nur per Abbildung aus der HVZ kannten. Mein Prinzip „Kontakte schaffen und festigen“ ging auf. Beim ersten Honnefer Treff wurde quasi das Aalkönigskomitee gegründet. Beim zweiten Treff stellte Patrick Stolle das Sonntagszeitungskonzept vor und Victor Francke erklärte den rund 100 Teilnehmern, wie die HVZ im Generalanzeiger untergebracht werden soll. Es war eine spannende Zeit. Im Keller der Stolle-Villa wurde die Honnefer Sonntagszeitung geboren. An einem herrlichen August- Sonntag wurde sie im Kurpark der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Volk war sichtlich zufrieden. Für Stolle und mich war es besonders wichtig, besonders den Neubürgern denen die HVZ völlig fremd war, das politische Leben der Stadt näher zu bringen. In einer Zeit, in der Wally Feiden, SPD-Ratsfrau, beispielsweise folgendes zu uns gesagt hat: „Ja, es bewegt sich was in Bad Honnef: Der städtische Haushalt in die Krise, das Zukunftskonzept 2010 in die Arbeitsphase, das Tourismusgeschäft ins Abseits, die Fußgängerzone ins Leere, das Stadtforum in den Aufwind, Schule und Sporthalle für Aegidienberg in weite Ferne, Konzept Traglufthalle in die Nachdenklichkeit, der Business-Park in die Realisierung…“.
Die Gesamtsituation Ende 2002 wurde wie folgt beschrieben: „Einzelhandel und Gastronomie klagen über Umsatzrückgang, Bürger schimpfen über den schlechten (Straßen-) Zustand in der Stadt und über fehlende Parkplätze. Der Kur und Verkehrsverein Bad Honnef bemängelt das Ausbleiben von Touristen und Kurgästen und die Statistik zeigt, dass die Einwohnerzahl stagniert. Fast alle Vereine in Bad Honnef plagen Nachwuchsprobleme. Der Marktplatz die Parks, die Biergärten oder Restaurants waren in dieser Sommersaison auch bei schönem Wetter bisher eher mager als gut besucht. Manch einkaufswilliger Bürger gibt sein Geld in anderen Städten aus und verbringt auch nicht unbedingt seine Freizeit vor Ort. Offensichtlich hat die Stadt Honnef, mit den magischen drei Buchstaben vor dem Namen: Bad, den Reiz der vergangenen Tage verloren.“ Und daran hat sich bis heute rein gar nichts geändert, wie ich meine.
Der „Teuro“ ging an den Start




Raus aus Bad Honnef, hinein in den Rest der Welt. Am 1. Januar 2002 war es soweit: Das Euro-Bargeld wurde offizielles Zahlungsmittel in den meisten Ländern der EU. Ein trauriger Tag für viele Bürger, die ja quasi heute noch ihrer geliebten D-Mark nachtrauern. Technisch verlief die Umstellung reibungslos. Aber vielen Menschen fiel und fällt es heute immer noch schwer, in Euro zu denken. Und manche Geschäfte nutzten die Gelegenheit, mit der Preisumstellung die Preise für ihre Waren zu erhöhen. Wenn auch mit dem Euro nicht alles teurer wurde, so hatte sich bald das Wort des Jahres 2002 gebildet: der „Teuro“. Als Folge des „Teuro“ wurde weniger gekauft, und der Handel klagte über große Umsatzverluste.
Nach dem knappen Sieg der SPD mit Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Bundestagswahl am 22. September ist die Popularität der Bundesregierung stetig gefallen. Noch nie hatte eine Bundesregierung so wenig Zustimmung. Die von der CDU deutlich gewonnenen Landtagswahlen Anfang Februar 2003 in Hessen und Niedersachsen haben dies bestätigt. Ein Hauptgrund dafür ist der starke Konjunktureinbruch. Überall in Deutschland herrscht Krisenstimmung. Viele Firmen gehen Pleite. 4,7 Millionen Menschen sind arbeitslos. Und da der Staat dadurch weniger Geld einnimmt, muss er Abgaben und Steuern erhöhen. Was wiederum zu neuen Problemen führt.
Am 26. April wurde eine Schule in Erfurt zum Schauplatz des schwersten Verbrechens der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein ehemaliger Schüler dieses Gymnasiums lief dort Amok und tötete innerhalb von zehn Minuten 16 Menschen. Dann erschoss er sich selbst. Er wollte sich dafür rächen, dass er aus der Schule geworfen wurde. Einen Schock ganz anderer Art traf Deutschland nach der Veröffentlichung der Pisa-Studie. Dort wurde in Deutschland die Leistung von 50.000 Schülern der neunten Klasse in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht. Das erschreckende Ergebnis: Während die Schüler in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen noch ein recht gutes Ergebnis erzielten, waren sie in anderen Bundesländern sehr viel schlechter. Im internationalen Vergleich von 32 Ländern befand Deutschland sich damit auf Rang 21. Dieser „Pisa-Schock“ hat Bildung wieder zum Thema gemacht.
Und noch einen Schock musste Deutschland im letzten Jahr hinnehmen. Im August fiel so heftiger Regen, dass viele Flüsse über ihre Ufer traten und ganze Landstriche überfluteten. Am Schlimmsten traf es Sachsen. Allein dort wurden etwa 25.000 Häuser zerstört. In Dresden erreichte die Elbe mit 9,40 Metern ihren Höchststand – normal sind zwei Meter. Es entstanden Schäden von über 9,2 Mrd. Euro. Aber die „Jahrtausendflut“ löste auch eine große Welle der Hilfsbereitschaft aus. Weit über 260 Millionen Euro an Spendengeldern gingen ein, und viele Zehntausende von Freiwilligen und 128.000 Profihelfer stemmten sich Tag und Nacht gegen die Flut. Heute ist das Wasser weg, aber mit den Folgen werden die Menschen noch lange zu kämpfen haben.
Sportlich war das Jahr nicht so schlecht. Bei den olympischen Winterspielen in Salt Lake City gewann Deutschland die Medaillenwertung und bei der Fußball-WM wurde die deutsche Nationalmannschaft Vize-Weltmeister.
Fortsetzung folgt
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