Wild-Wochen im Chimära in der Bonner Altstadt

Schöne neue Gegenwart

August 15, 2008

Leserbrief

Jeder Lebensmitteleinkauf ist heutzutage sehr kompliziert geworden. Was waren das noch für Zeiten, als man “schnell eine Kleinigkeit kaufen” konnte. Betonung liegt hier auf “schnell”. Früher, betrat man in ein Geschäft, holte das vergessene Päckchen Zucker, bezahlte und ging wieder.

Heute! Zur Mittagszeit: Menschenmassen unterwegs, die sich um die Plätze in der Schlange an der einzigen geöffneten Kasse balgen. Frühmorgens: Es ist leer, aber die Regale sind noch nicht eingeräumt. Das alles liegt nicht am Fleiß des Personals. Erfolgreich haben die Konzerne alle kleinen Geschäfte verdrängt, und mehren jetzt ihre Profite durch Personaleinsparungen der krassesten Art. Dann gibt’s noch den Honnefer Süden, wo man schnell und gut einkaufen könnte, vorausgesetzt man hat ein Auto. - Oder am Wochenende: Ich brauche unerwartet dringend ein Medikament! Keine einzige Apotheke in Bad Honnef hat Notdienst.

Man muss nach Königswinter fahren. Noch schlimmer geht es Leuten, deren Kinder übers Wochenende erkranken oder Zahnwehgeplagten. Die müssen halbe Himmelfahrten unternehmen. Also sollte man sich doch wieder ein Auto anschaffen trotz horrender Spritpreise und Umweltbewusstsein. Die Spritpreise und die Preise für den öffentlichen Verkehr stehen sich (allerdings aus völlig verschiedenen Gründen) einander in nichts nach. Eine Monatskarte nach Siegburg kostet mehr als 200 Euro. Und das bei gestrichener Pendlerpauschale! Und die Fahrpreise steigen und steigen wie die Spritpreise! Nur die Gehälter bleiben! Das Altern wird zur Horrorvorstellung. Zahnersatz, Brille und Hörgerät, der arme Mensch, der all das benötigt und nicht über das nötige Kleingeld verfügt,… was macht der? Na, hoffentlich ist er kreditwürdig und hoffentlich kein Hausbesitzer, der um den Energiepass zu entsprechen, sein gesamtes Vermögen in die umweltgerechten Umbauten seines Hauses stecken musste. Der Neoliberalismus im Sinne des Milton Friedman wird weiter marschieren. Bald haben wir ein privatisiertes Gesundheitswesen, ein privatisiertes Verkehrswesen, privatisiertes Schulwesen und wahrscheinlich auch noch ein privatisiertes Polizeiwesen (aus Amerika hört man, dass dort schon Prozesse aufgekauft werden). Privatisierung hört sich im ersten Moment gut an. Dann wird die Lotterwirtschaft staatlicher Einrichtungen ein Ende haben. Kurze Zeit vielleicht! Aber es endet, wie es bei den Lebensmittelkonzernen schon Realität ist -wenn alles in den Händen weniger Konzerne ist, kommt das böse Erwachen für den Normalbürger. Die Mittelschicht ist endgültig perdu, nur die sehr gut Verdienenden werden als Kunde und Patient König bleiben und von demokratischen Bürgerrechten profitieren können.- Und die Grünen, die sich einst im Sinne von 1968 auf den Marsch durch die Institutionen gemacht haben, sind zwar dort angekommen, aber die eifrigsten Knechte des Systems geworden. (Es sei denn es geht um das Lebensglück der gemeinen Wiesenheuschrecke! Das Lebensglück des gemeinen Bürgers ist schon weniger interessant!)

Wenn ich über 80 werden sollte und nicht gesund bleibe, lande ich wahrscheinlich in einem 12-Betten-Raum im Altenheim, zahnlos Suppe schlürfend, die die einzige Pflegekraft für 200 Alte im Bottich mit Strohhalmen vorbeibringt.
Alles nicht so schlimm! Ich sehe und höre die 11 anderen wahrscheinlich nicht, da ich mir weder Brille noch Hörgerät leisten kann. - Nur blöd, dass ich in dem Zustand nicht mehr arbeitsfähig bin, denn bis dahin wird uns die Regierung mit Hilfe der Medien und der Bertelsmannstiftung weisgemacht haben, dass des älteren Menschen höchste Seligkeit im Dauerarbeiten bis zum Lebensende liegt. Was auch alle brav glauben und tun werden. Sie wollen ja nicht als schlapp und unfähig gelten, und durch das Raster unserer Leistungsgesellschaft fallen. Die Jugendlichen, schlecht ausgebildet durch die verbliebenen staatlichen Klippschulen (die teuren Privatschulen kann sich das Gros der Leute nicht leisten) sind dann zwar endgültig ohne Arbeitsplätze, und gewalttätig und kriminell - aber das liegt nur daran, dass sie diese brutalen Computerspiele spielen und immer noch rauchen.

Monika Mirgeler

Kommentare

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?