Wie im richtigen Leben
November 30, 2007
In den letzten Monaten häuften sich bei mir die Arztbesuche a) wegen eigener Krankheiten (man wird schließlich nicht jünger), b) als Begleitung meiner 88jährigen Mutter, so dass ich mit unserer famosen Gesundheitsreform näher in Kontakt kam, als mir lieb war, und mir dabei mehr als einmal der Kragen platzte.
Mein endgültiges „Erweckungserlebnis“ hatte ich, als ich an der Pinwand in einem Wartezimmer ein Angebot für einen ärztlichen Geschenkgutschein entdeckte. Eigene Erfahrungen, Gespräche mit Freunden und Kollegen brachten mich zu der Überzeugung, dass diese Reform wenigstens ein Gutes hat: Bald wird das mühselige weihnachtliche Geschenkeaussuchen erheblich vereinfacht werden, jedenfalls für die Leute der mittleren Mittelschicht und abwärts. Zum Beispiel Osteoporose, diese chronische und schmerzhafte Knochenkrankheit, wenn für diese Krankheit in der Familie eine genetische Veranlagung besteht,sollte man zur Vorbeugung unbedingt beizeiten eine Knochendichtemessung machen lassen. Leider müssen wir neuerdings diese Untersuchung selber zahlen.
Wer klamm im Geldbeutel ist und sie deshalb immer wieder aufschiebt, wacht eines Tages mit zerkrümelnden Knochen auf, die beim kräftigen Händedruck des Notarztes, zerbrechen. Also wünscht sich Mutter dieses Jahr zu Weihnachten eine Knochendichtemessung als Geschenk. Opa bekommt dagegen ein Bündel Taxigutscheine.Kann er sich doch noch allzu gut daran erinnern, als vor 1 Jahr sein gebrochenes Bein im Krankenhaus versorgt wurde, und er fürsorglich mit dem Rollstuhl vom Behandlungsraum bis zur Eingangstür gefahren und dort dann weniger fürsorglich auf die Straße gekippt wurde. Opas knappe Rente gab kurz vorm Ersten keine Taxifahrt mehr her, und einen von der Krankenkasse bezahlten Transportschein gibt es nur, wenn der Patient über keinerlei Extremitäten mehr verfügt, mit deren Hilfe er nach Hause robben kann.
Vater bekommt ein neues Gebiss geschenkt. Er hat einen humanen Zahnarzt, der Ratenzahlung gewährt. Ist zwar etwas langweilig, 10 Jahre lang immer dasselbe (nämlich die 12 Monatsraten) geschenkt zu bekommen, aber Sohn Hubert hat noch einen mit Tannenbäumen geschmückten Apothekengutschein dazugelegt.
Nur Tante Inge ist ganz übel dran. Sie braucht ein Gebiss und ein Hörgerät, da sie einen Hörsturz erlitt, als sie die neueste Gas- und Stromrechnung erhielt. Seitdem hört sie nichts mehr. Aber ein Gebiss und ein Hörgerät – das übersteigt das Budget der Familie! Zudem braucht sie auch noch eine neue Brille. Das Gestell könnte ihr Onkel Herbert schnitzen, aber die Gläser gibt es nicht einmal bei ebay günstig. Ihre finanziellen Reserven sind aufgebraucht. Sie hatte die angekündigten Regierungsmaßnahmen zum Klimaschutz falsch eingeschätzt. „Klimaschutz hat höchste Priorität in allen Bereichen!“ hieß es vollmundig. Also würde wohl als erstes der öffentliche Nah- und Fernverkehr gefördert werden, so dass ein jeder den Klimakiller Auto stehen lassen könne. Daher hat sie das Autofahren aufgegeben. Nun, die Benzinpreise schossen ungebremst in die Höhe.Tante Inge triumphierte - ein kurzer Triumph! Die Preise für Fahrkarten rasten ebenfalls ungebremst in die Höhe und die Pendlerpauschale in die Tiefe. Also nahm Tante Inge eine Hypothek auf ihr Haus auf, um ihre Fahrkarten für die Fahrt zur Arbeit usw. bezahlen zu können. Doch da Züge und Busse sehr unpünktlich und selten fahren, verlor sie als Folge ihre Arbeitsstelle wegen dauernder Unpünktlichkeit. Hinzu kam,dass sie als Hausbesitzerin als eine Klimakillerin 1. Grades (noch vor der Industrie und den Flugzeugen) eingeschätzt wurde – um die klimafreundlichen Sanierungsmaßnahmen, die Unsummen verschlungen, bezahlen zu können, musste sie eine weitere Hypothek aufnehmen.
Tante Inge hat nun Schulden, ist pleite und arbeitslos. Aber da sie inzwischen gar nichts mehr hört und sieht, verfällt sie in Lethargie. Immerhin braucht sie nun kein Gebiss mehr, da sie kein Geld mehr hat, um sich etwas zu essen zu kaufen. Also arrangierte sich die Familie mit Tante Inges schwieriger Situation und schenkte ihr ein riesiges Bündel Tütensuppen.
Neffe Karl-Heinz machte zusammen mit mehreren besorgten Ärzten eine Eingabe bei der Krankenkasse, dass man doch die wichtigen Vorsorgeuntersuchungen wieder kostenfrei stellen solle. Die Krankenkasse antwortete, dass sie absolut jeden Cent brauche, den sie von den Versicherten bekommen könne. Es gehe inzwischen weniger um die Managergehälter und die Büropaläste – nein, man habe jetzt große Probleme, die Folgekosten, die durch die nicht stattgefundenen Vorsorgeuntersuchungen entstanden seien, zu bezahlen. Der Weihnachtsmann kam daraufhin auf die Idee, den Krankenkassenmanagern und den Regierungsmitgliedern, die unter ähnlichen Problemen litten, Kurse für die Entwicklung des logischen Denkens zu schenken. Doch die Herrschaften lehnten dankend ab. Dafür habe man keine Zeit, da man schon genug mit der Arbeit am vorgeschriebenen Qualitätsmanagement zu tun habe, das zwar „sauteuer“ aber notwendig sei, um verbesserte Arbeitsabläufe und Kostensenkung garantieren.
Daraufhin stelle der genervte Neffe die Theorie auf, dass die Sparmaßnahmen der Krankenkassen wohl langfristig doch erfolgreich sein werde, weil die Bevölkerung aufgrund mangelnder oder zu spät erfolgter ärztlicher Versorgung nur noch wenige Jahre in den Genuss einer Rente komme und so die Ausplünderung der Rentenkassen endlich ein Ende habe. Außerdem sei die Rente der kommenden Generation so gering, dass die zukünftigen Rentner eh nicht mehr ausreichende Gesundheitsvorsorge betreiben könnten.
Und dann klagte er auch noch öffentlich über die geringe Höhe der Renten für die zukünftigen Rentengenration. Aber dieser Jammerei wurde sofort abgeschmettert mit dem Argument, dass schließlich jeder Bürger die Möglichkeit hat, sich als Abgeordneter in den Bundestag wählen zu lassen und er somit nach 4 Jahren Abgeordnetendaseins die Möglichkeit hat, seine Rente um monatlich 1.500 Euro aufzustocken. Richtig greifen würde diese Idee allerdings nur,wenn man die Zahl der Abgeordneten im Bundestag erheblich erhöhen würde.
Die Personen als solche in diesem Leserbrief sind in ihrer familiären Zusammensetzung zwar frei erfunden, aber jede einzelne mit einem der genannten Probleme lebt wirklich in Bad Honnef und gehören nicht gerade zu den Ärmsten der Armen, und vor allem die finanziellen Probleme sind alleine in meinem Bekannten- und Kollegenkreis real existierend (nur bis jetzt noch niemand eine Hypothek für Fahrkarten aufnehmen musste, und der Opa hatte Gott sei Dank einen guten Freund, der ihn nach Hause fuhr – aber es soll ja auch Opas oder sonstige Leute ohne gute Freunde geben – was machen die?) Das Gegenargument lautet bei finanziellen Problemen mit der Krankenkasse, dass Leute unterhalb eines Mindesteinkommens unterstützt werden – aber wehe, man liegt einen Euro über diesem Mindesteinkommen, oder eine
unerwartete, aber notwendige Ausgabe senkt Einkommen oder Rente.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Autorin dieses köstlichen Leserbriefes,
ich habe beim kopieren des Beitrages durch einen dummen Zufall den Namen gelöscht. Bitte, verehrte Schreiberin melden Sie sich, ich werde den Namen in der kommenden Ausgabe gebührend veröffentlichen.
Kommentare
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der beste leserbrief den ich je gelesen habe - ich habe mich köstlich amüsiert, auch wenn jedes wort - leider - wahr ist. die mittelschicht gibt es kaum mehr - nur noch arm oder reich. als alleinverdienender familienvater mit zwei kindern liegt das familieneinkommen kaum höher als die sozialleistungen. bei mir jedenfalls kommt der aufschwung nicht an. 2 % lohnerhöung werden umgehend von den gestiegenen Energiepreisen usw. aufgefressen; real macht die mittelschicht seit jahren minus - aber es muss ja auch gewinner in unserer gesellschaft geben, die sich mit exorbitanten lohnerhöhungen bzw. gewinnsteigerungen immer noch nicht zufrieden geben und weiter versuchen, den normalbürger wie eine zitrone auszuquetschen.